Roberto Fonseca: Akokan

FonsecaAkokanEr ist der Shootingstar unter den kubanischen Musik-Youngstern. Mit seinem letzten Album gelang Roberto Fonseca der Sprung aus der Schattenexistenz eines Sideman zum Solisten. Nun setzt er seinen Weg mit alten Gefährten und Gästen konsequent fort. Das Ergebnis ist beileibe keine gefällige Erzeugerabfüllung von Bacardi-seligem Latin Jazz. Fonseca webt die genretypisch changierenden rhythmischen Gewebe aus Klavier und Latinoschlagwerk elegant in die Arrangements. Besondere Qualitäten bezieht seine Musik aus ihrer erzählerischen Kraft: Mit raffinierten Kompositionen inszeniert Fonseca aus scheinbar harmlosen Melodien effektvolle Dramen, in denen sich karibische Leichtigkeit und Melancholie zu einer sehr eigenen emotional aufgeladenen Kunstmusik verdichten. Sven Sorgenfrey (7.6.2009)

Label: Enja

Joe Lovano/Us Five: Folk Art

JoeLovanoFolkArtMit seinen 56 Jahren gilt Tenorsaxophonist Joe Lovano schon als Elder Statesman des Jazz. Und das in erster Linie deshalb, weil er seinen Stil stets innerhalb des Genres weiterentwickelt hat – unangekränkelt von den Versuchungen elektropoppiger Exkursionen. Us Five heißt sein jüngstes Projekt, in dem er sich Inspiration holt von vier jüngeren Musikern: einem Pianisten, einem Bassisten und zwei Schlagzeugern, deren Temperamente sich prima ergänzen. Lovano rückt seinen Eigenkompositionen mit Tenor- und Altsaxophon zu Leibe und bedient sich zudem einer Altklarinette sowie des exotischen Taragots und eines mehrstimmigen Aulochroms. In den Stücken wechselt er gern die Besetzung von Duo bis Quintett und legt eine Spiel- und Experimentierfreude vor, die seine Band ebenso ansteckt wie die Zuhörer. Sven Sorgenfrey (18.5.2009)

Label: Blue Note/EMI

Avishai Cohen: Aurora

AvishaiCohenAuroraAuf den Spuren seiner familiären und musikalischen Wurzeln hat der Bassist Avishai Cohen schon mit seinem Trio unbefangen manche Genregrenze überschritten. Mit seinem neuen Album bricht der hemmungslose Melodiker vollends zu neuen Ufern auf: Er singt! Mal nur von seinem Bass begleitet, mal unterstützt von seinem Stammpianisten Shai Maestro, einem Perkussionisten und einem Oud-Spieler. Als zweite Stimme gesellt sich Karen Malka hinzu. Sie singen eigene und traditionelle Lieder in Hebräisch, Englisch oder Ladino. Diese zwölf Versuche, aus Klassik, Orientalischem, Klezmeranklängen und – ach ja – Jazz etwas Neues anzumischen, driften schon mal in belangloses Pop-Lalala oder knorke Ethnomucke ab. Meistens aber gelingt das Vorhaben fulminant und ergreifend. Sven Sorgenfrey (4.5.2009)

Label: Blue Note/EMI

John Scofield: Piety Street

ScofieldPietyStreetSchluss mit lustig! Jetzt geht es ums Seelenheil. Wer je eines seiner Solointros gehört hat, weiß, wie tief John Scofields Musik im Blues verwurzelt ist. Um nicht ganz in die schon fast gerontophile Liga von Eric Clapton abzurutschen, behilft sich Scofield mit Gospel, dem dicken Nennonkel des Blues. Dazu hat er sich selbst bei einer New-Orleans-Band eingeladen, mit der er Gospelklassiker und zwei eigene Stücke spielt. Die Soli verraten schon im Sound seine Verehrung für B. B. King. Aus seinen Uberfunk-Zeiten hat sich ein Hang zu funkigen Grooves erhalten. Das passt überraschend gut zusammen, macht gute Laune und Lust auf live. Nach dem Dixie-Country-Stück "I'll Fly Away" bleiben Sco für das nächste Album aber nur zwei Alternativen: die Steelguitar oder das Mikrofon. "Halleluja!" Sven Sorgenfrey (23.3.2009)

Label: Emarcy/Universal

Faust: C’est com… com… compliqué

FaustCompliqueSo vertrackt, wie der Titel vorgibt, ist der Inhalt nicht. Denn die verschollen geglaubten Quastenflosser der deutschen Rockavantgarde pflegen hingebungsvoll ihr Gesinnungsbiotop: Sie halten sich an ihr bewährtes Rezept und schichten munter einfache Phrasen und Patterns übereinander, mischen noch einige Wörter dazu und vertrauen darauf, dass das Publikum darin Neues hört. Denn darum geht es Faust immer noch: Zuhören! Bedeutung!! In den zu Songs geronnenen Kettensägenmassakern brechen sie schon mal mit Tabus, die keine mehr sind; Lautstärke suggeriert Bedeutung, Lärm noch mehr Bedeutung. Dabei klauen Klangkonserven den Musikhelden die Wirkung. Live transportiert sich ihre manische Energie viel besser – wenn Jean-Hervé und Zappi vielleicht sogar nackt auf die Bühne springen. Sven Sorgenfrey (2.3.2009)

Label: Bureau B/Indigo

Klaus Paier & Asja Valcic: À Deux

PaierValcicDeux“Schifferklavier”, “Quetschkommode”, “Riemenorgel” – Akkordeonspieler, die sich auf der Hafenpromenade nicht zu Hause fühlen, können meist nur in Tangokaschemmen ausweichen. Es sei denn, sie sind Österreicher und haben schon qua Geburt einen Anspruch auf musikalisches Genie. Klaus Paier ist so einer: Auf seinem Instrument entwickelt er ein ungewöhnlich nuancenreiches, scharf phrasiertes Spiel. Beim “Radio String Quartet” lernte er Asja Valcic kennen, die als Cellistin nach Ausdrucksformen jenseits von Boccherini und Dvorak suchte. Valcics dunkler, virtuos kultivierter Furor und Paiers musikalisches Kalkül und Herzblut ergänzen sich. Im Duo gelingen ihnen mitreißend arrangierte Grenzgänge zwischen Jazz, Klassik, Musette, Osteuropäischem und – unvermeidlich – Tango. Sven Sorgenfrey (18.1.2009)

Label: ACT

Erik Truffaz: Rendez-Vous (Paris – Benares – Mexico)

Rastlos unterwegs in einer Endlosschleife von Konzerten überall auf der Welt globalisiert der Schweizer Trompeter und Elektrojazzer Erik Truffaz seine Schallplattenproduktion: Die vorliegende Drei-CD-Box bündelt drei Projekte aus drei Städten dreier Kontinente. Erste Station, Paris: belanglos-harmloser Simpelpopjazz mit Sly “Ich-kann-eine-Beatbox-imitieren-wie-Bobby-McFerrin” Johnson. Zweite Station, Mexiko-Stadt: Bei den minimalistischen Ambient-Spielereien mit dem Elektro-Musiker Murcof entwickelt Truffaz aus wenigen Keimzellen imposante musikalische Gebilde.
Dritte Station, Benares: Der mit traditionellen indischen Elementen angereicherte Jazz (zusammen mit Malcolm Braff, Indrani und Apurba Mukherjee) ist zwar nicht neu, aber das spannendste Projekt dieser Box. Sven Sorgenfrey (5.1.2009)

Label: Blue Note/EMI

Matthias Eick: The Door

Man kann Jan Garbarek nicht allein für die Musik seiner Landsleute verantwortlich machen. Es muss auch an Norwegen selbst liegen: Die karge Landschaft, dunkle Winter, fiese Trolle – all das scheint eingeflossen zu sein in Eicks düsteres Erstlingswerk. Dessen Stimmung ist so abgrundtief traurig, dass man sie ohne Einnahme von Antidepressiva lieber nicht hören sollte. Das Tempo der Stücke variiert zwischen langsam und extrem langsam. Mit strenger Verpflichtung auf gepflegten Wohlklang trägt Eick auf seiner Trompete elegische Melodien mit hohem Mitsummfaktor vor. Jon Balke mischt am Klavier atmosphärische Tupfer bei. Während beide sich in schönen Klangwelten ergehen, kämpfen Bass und Schlagzeug engagiert, aber vergeblich um ein wenig Drive. Sven Sorgenfrey (31.07.2008)

Label: ECM

HDV Trio: All In

HDV-Trio All In (Cover)Der 24-jährige Ziegenbarthipster David Helbock aus der österreichischen Provinz hat sich mit zwei Landsleuten aufgemacht, in der Königsdisziplin „Klaviertrio“ mal eben eigene Pflöcke einzuschlagen. Aus Geräuschfetzen schälen sich Muster, Rhythmen, Klänge, Phrasen; es finden sich Akkorde, eine Tonart wird etabliert, Melodien entstehen, da bricht das Gebilde wieder auseinander, bevor man es sich in dem gewonnenen Terrain gemütlich einrichten kann. Von seltener Souveränität ist die Art, wie Schlagzeug und Bass das Klavier mal unterstützen, mal ihm zuwiderlaufen. Diese Musik ist virtuos intellektuell und emotional im musikalischen Duktus. Das Parodistische dient hier als Grundmaterial, aus dem Eigenes entsteht, das oft ironisch daherkommt und keine Groteske, keinen musikalischen Witz verschmäht.
Sven Sorgenfrey

Label: Double Moon/Sunny Moon