Schlagwort-Archive: Piano

Avishai Cohen: Duende

Avishai Cohen - DuendeEs muss eine musikalische Liebe auf den ersten Klang gewesen sein, als der Bassist Avishai Cohen den Pianisten Nitai Hershkovits in einem kleinen Café in Tel Aviv zum ersten Mal spielen hörte. Und die schützt er nach Kräften: Kein weiteres Instrument soll die Zweisamkeit stören. In der Tat hört man selten ein Duo, das so im Einklang bis in die feinsten harmonischen und rhythmischen Feinheiten hinein musiziert (Chick Corea und Gary Burton können eine ähnliche Nähe erreichen). Ob sie Avishai Cohen: Duende weiterlesen

Jasper van’t Hof: Oeuvre

Jasper van't Hof - OeuvreWenn ein alter Haudegen wie Jasper van’t Hof ein Album “Oeuvre” nennt, dann schwingt der Topos des musikalischen Vermächtnisses unweigerlich mit. Und das fällt beim Pili-Pili-Mann, dem Wanderer zwischen Jazz, Weltmusik und Dancefloor erstaunlich konservativ aus: In klassischer Quartettbesetzung mit Schlagzeug, E-Bass und Saxofon bleibt der Pionier synthetischer Klänge strikt beim Klavier und führt so vor, dass man sein Werk bitte schön im Kontext des traditionellen Jazz hören soll. Und den Jasper van’t Hof: Oeuvre weiterlesen

Michael Wollny’s [em]: Wasted & Wanted

Michael Wonny em - Wasted and Wanted“Schönheit durch Konfusion, Wahrheit durch Kollision.” Im Booklet seines Albums greift Michael Wollny diesen Satz Daniel Richters auf, um darüber zu sinnieren. Und den Hörer sodann gemeinsam mit den beiden Kollegen seines Klaviertrios in ihren Stücken und Bearbeitungen zum Grübeln zu bringen: Denn ist es schön, wenn der Trauermarsch aus Mahlers 5. Sinfonie verjazzt wird? Oder Punkelemente in ein Schubert-Lied eindringen? Tatsächlich sind es aber gerade diese bekannten Themen, die Michael Wollny’s [em]: Wasted & Wanted weiterlesen

Vijay Iyer Trio: Accelerando

Vijay Iyer Trio - AccelerandoDer Titel stammt zwar aus dem Fachjargon – doch verkopft ist das Album des Klaviertrios keineswegs. Schließlich hat Vijay Iyer das Tasteninstrument nicht studiert, sondern im jahrelangen (Begleit-)Spiel in einem Jazzclub erkundet. Diese Neugier zeichnet den indischstämmigen US-Amerikaner bis heute aus. Da lag es nahe, dass er im Titelsong dem Tempo als Strukturelement nachgespürt hat! Natürlich profitiert auch diese allmähliche Beschleunigung von dem unerschöpflichen Vijay Iyer Trio: Accelerando weiterlesen

Jens Thomas und Verneri Pohjola: Speed Of Grace – A Tribute To AC/DC

Jens THomas - Speed of GraceAC/DC haben im Leben pubertierender Männer schon lange einen Ehrenplatz. Es geht um martialische Posen, schlichte Gitarrenriffs, Suff und vor allem: Lärm. Die meisten haben diese Phase mit 17 Jahren überwunden (gewisse Ex-Minister ausgenommen). Für einen Jazzmusiker aber sind die Songs der australischen Brachialrocker etwa so spannend wie der Mond für Floristen. Der Pianist und Sänger Jens Thomas wagt den Versuch und dreht die AC/DC-Songs einfach um: Aus schnell wird Jens Thomas und Verneri Pohjola: Speed Of Grace – A Tribute To AC/DC weiterlesen

Marc Perrenoud Trio: Two Lost Churches

Marc Perrenoud Trio - Two Lost ChurchesDie drei jungen Schweizer mögen Gegensätze, Überraschungen, Entlegenes. Sie beherrschen die große Geste ebenso wie subtile Andeutungen. Präludierend, mit raumgreifenden Akkordbrechungen beginnt das Album, wechselt in swingenden Barjazz, haut stadionrockmäßig gewaltig auf die Tonne, um nach einer Vollbremsumg in Zeitlupe subtilste Melodie- und Harmonieverschiebungen auszuprobieren. Diese Musik ist ohne Bombastrocker wie Led Zeppelin oder Queen ebenso undenkbar wie ohne Oscar Peterson, Beethoven oder Bach. Dabei sind der Klang und die Herangehensweise des Trios alles andere als beliebig. Man höre und bestaune wie die Drei sich etwa “Autumn Leaves” aneignen, wie sie den reichlich abgenudelten Joseph-Kosma-Song in etwas ganz und gar Unerhörtes verwandeln.
Sven Sorgenfrey (2.1.2012)

Marc Perrenoud Trio beim Schaffhausener Jazz Festival 2012 (Video)

Branford Marsalis & Joe Calderazzo: Songs Of Mirth And Melancholy

Branford Marsalis and Joe CalderazzoAusgerechnet beim Promigolfen beschlossen Saxofonist Branford Marsalis und Joey Calderazzo, Kenny Kirklands Nachfolger in Marsalis' Quartet, es auch als Duo zu versuchen. Herausgekommen ist dabei eine Art Panoptikum disparater Kabinettstücke. Erst gibt Pianist Calderazzo die Ragtime-Maschine – “and now for something completely different”: Die beiden ergehen sich in einer klassisch-romantischen Walzerballade. Blende. Close-up auf ein sperrig-minimalistisches Kompositionsexerzizium. Cut! Hier ist mal ein auf Postbop gefönter Barjazz mit kontrapunktischen Einsprengseln. Und huch! fällt das Bahms-Lied “Die Trauernde” vom Himmel. Bei allem Spaß an Perfektion: Man hat den Eindruck, die beiden könnten fast alles, müssten aber aus innerem Drang gar nichts, und so bleibt die Musik steril. Sven Sorgenfrey (24.7.2011)

Sauer, Wollny, Kühn: IF (BLUE) THEN (BLUE)

SauerWollnyKuehnBlueEin halbes Jahrhundert nach "Kind of Blue" huldigt Heinz Sauer dem wegweisenden Album von Miles Davis – mit einer eigenwilligen Versuchsanordnung: In wechselnden Duos mit den Pianisten Michael Wollny und Joachim Kühn. Durchaus reizvoll ist das Zusammenprallen der grundverschiedenen Charaktere. Sauer gibt den eigenwilligen, altersweisen Klangzauberer, Wollny den experimentierfreudigen Genreverächter, Kühn den zwischen aufbrausendem Temperament und Innigkeit hin- und hergerissenen Heißsporn. Es sind kurze, skizzenhafte Stücke, in denen die Musiker das Terrain erkunden, stark fokussiert auf das eigentümliche Wesen des zugrunde liegenden musikalischen Materials. Dem Zuhörer verschlägt's den Atem, was den dreien dabei so nebenbei alles einfällt. Sven Sorgenfrey (11.1.2010)

Label: ACT

Eric Legnini Trio: Trippin’

EricLegniniTrioTrippinMit dem dritten Trio-Album präsentiert sich der Belgier Eric Legnini als ausgesprochen kompletter Pianist. Mühelos wechselt er vom erdnusskompatiblen Kammerjazz zu Blues, Soul, Drum &#039n&#039 Bass und allerlei dazwischen. Verspielt geht er seinen Ideen nach, nie verschwurbelt, nie pianistisch-angeberisch, sondern neugierig, souverän, reduziert und musikalisch überaus erfahren. Sein Ton ist ebenso trocken und präsent wie der seiner ungeheuerlich groovenden Kollegen, Franck Agulhon (Schlagzeug) und Mathias Allamane (Kontrabass). Richtig knackig wird es, wenn Legnini sein Fender-Rhodes-Piano auspackt: Da gibt es eingängige Refrains, fette Basslinien, und Agulhon trommelt Band wie Zuhörer in Trance. Das geht sofort in die Beine, ohne im Mindesten den musikalischen Verstand zu beleidigen. Sven Sorgenfrey (6.7.2009)

Label: Discograph/alive

Wolfgang Torkler: Raum

Wolfgang Torkler - RaumWenn sich ein mit Berklee-Weihen versehener Latin-Jazz-Pianist allein ans Klavier setzt, entsteht eine gewisse Erwartungshaltung. Die enttäuscht Torkler jedoch gern und gründlich. Was der Mann hier spielt, hat mit Samba so viel zu tun wie Kuba mit Vorpommern: In Zeitlupe entringt er einfachsten Melodien erwartbare Harmonien, grübelt auf minimalem musikalischen Material herum, ohne erkennbare Fortschritte zu erzielen. Das atmet den Weltschmerz eines Pubertierenden aus, der nach einer Überdosis Eichendorff die Trauer über den Tod von Nscho-tschi in Winnetou I tagelang am Fortepiano zu sublimieren versucht. Man wünscht ihm eine wie Betty von den Peanuts aufs Klavier – die zumindest den Versuch unternimmt, ihren Schröder der verknöselten deutschen Pianistenwelt zu entreißen. Sven Sorgenfrey (21.6.2009)

Label: Phonektor

Roberto Fonseca: Akokan

FonsecaAkokanEr ist der Shootingstar unter den kubanischen Musik-Youngstern. Mit seinem letzten Album gelang Roberto Fonseca der Sprung aus der Schattenexistenz eines Sideman zum Solisten. Nun setzt er seinen Weg mit alten Gefährten und Gästen konsequent fort. Das Ergebnis ist beileibe keine gefällige Erzeugerabfüllung von Bacardi-seligem Latin Jazz. Fonseca webt die genretypisch changierenden rhythmischen Gewebe aus Klavier und Latinoschlagwerk elegant in die Arrangements. Besondere Qualitäten bezieht seine Musik aus ihrer erzählerischen Kraft: Mit raffinierten Kompositionen inszeniert Fonseca aus scheinbar harmlosen Melodien effektvolle Dramen, in denen sich karibische Leichtigkeit und Melancholie zu einer sehr eigenen emotional aufgeladenen Kunstmusik verdichten. Sven Sorgenfrey (7.6.2009)

Label: Enja

HDV Trio: All In

HDV-Trio All In (Cover)Der 24-jährige Ziegenbarthipster David Helbock aus der österreichischen Provinz hat sich mit zwei Landsleuten aufgemacht, in der Königsdisziplin „Klaviertrio“ mal eben eigene Pflöcke einzuschlagen. Aus Geräuschfetzen schälen sich Muster, Rhythmen, Klänge, Phrasen; es finden sich Akkorde, eine Tonart wird etabliert, Melodien entstehen, da bricht das Gebilde wieder auseinander, bevor man es sich in dem gewonnenen Terrain gemütlich einrichten kann. Von seltener Souveränität ist die Art, wie Schlagzeug und Bass das Klavier mal unterstützen, mal ihm zuwiderlaufen. Diese Musik ist virtuos intellektuell und emotional im musikalischen Duktus. Das Parodistische dient hier als Grundmaterial, aus dem Eigenes entsteht, das oft ironisch daherkommt und keine Groteske, keinen musikalischen Witz verschmäht.
Sven Sorgenfrey

Label: Double Moon/Sunny Moon