Christian Frentzen: First Encounter

Hat Modern Jazz  noch eine Zukunft? Oder ist seine Wiederbelebung ein Griff in die Mottenkiste? Nein: Der Kölner Pianist Christian Frentzen zeigt auf seinem Debüt-Album „First Encounter“ dass  viele Musikstile, die  zwischen 1940 und 1960 entwickelt wurden, noch lange nicht ausgereizt  sind.  Irgendwo zwischen Bill Evans, dem frühen Herbie Hancock,  John Lewis, Third Stream und Hard Bop katapultiert der 28-jährige Musiker dieses Erbe in völlig neue Sphären.

Okay – Frentzen, der auch mit Popkünstlern  wie Jule Neigel, Max Mutzke  und Stefanie Heinzmann arbeitet, ist nicht angetreten um das Jazz-Universum neu zu erfinden. Aber warum auch: Es reicht ja, wenn er sich  virtuos daraus bedienen kann. Das macht er mit manchmal sperrigen, sich  häufig an Blue Notes reibenden Klavier-Kaskaden, die immer ganz deutlich nach Frentzen klingen: Das gilt für jeden Song des gerade erschienenen  Debüt-Albums.

So halsbrecherisch Frentzen durch seine perlenden Läufe rast, so anschlaggewaltig zerdeppert er sie durch hämmernde Blockakkorde – um damit den Spannungsbogen noch stärker zu belasten. Dass er auch den Tasten-Ästheten Lyle Mays als Vorbild nennt, mag man kaum glauben. Von dessen meist wohltemperierten Wohlfühl-Arrangements hört man hier (dem Jazz-Gott sei Dank) wenig bis gar nichts.

Beim titelgebenden Opener „First Encounter“ denkt man zwar sofort an die sechziger Jahre und  an die Bands stilbildender Tasten-Akrobaten von Bobby Timmons über Red Garland bis Lenny Tristano –  aber nach ein paar Sekunden sofort wieder an Frentzen. Und bei „Song for the Dreamer“ fühlt  man sich durch Dino Soldos (der auch das Gemälde zum Cover lieferte) Mundharmonika zuerst an Toots Thielemans erinnert, merkt aber nach wenigen Takten, dass die Reise in eine ganz andere Richtung geht.

Mit Silvio Morger am Schlagzeug und Roger Kintopf am Bass verfügt Frentzen, der schon jede Menge Musikpreise einheimste,  über eine enorm straighte und zuverlässige Rhythm-Section. Fritz Dinter an der Gitarre steuert unruhig durch die Partituren huschende Sololäufe hinzu, die den stilbildenden Modern-Charakter immer wieder in andere Richtungen vagabundieren lassen. Paul Heller am Saxophon, der schon mit Stars von Volker Kriegel bis Johnny Griffin spielte, zieht in den ersten beiden Songs (ganz besonders in „One Step Further“) sämtliche Register eines ausgefuchsten Jazz-Großmeisters. Doch zusammen gehalten wird dieses Album ganz klar durch den Bandleader, der alle Stücke komponierte und  auch produzierte.

Und  „First Encounter“ – da bin ich mir sicher – wird nicht das letzte Album von Christian Frentzen bleiben!

Willy Theobald

Label:  Roundrobyn Records