Archiv der Kategorie: Kurzkritik

Johannes Enders: Endorphin

Johannes Enders, Endorphin, enjaWas Tenorsaxophone erzählen können, ist bereits vielfach beschrieben worden. Johannes Enders eröffnet genau für dieses Metier noch einmal eine neue Dimension. Seine Erzählweise ist frisch, fein, spielerisch und doch kein bisschen bedeutungslos. Auf seiner jüngsten CD “Endorphin” macht er – wenn auch unaufgeregt leicht – erneut mit seiner ganz eigenen Musik-Sprache bekannt. Und will mit seiner “körpereigenen Droge” in Silberscheiben-Form beim Hörer natürlich Glückshormone auslösen. Die CD ist das Schlusselement einer Reihe von musikalischen Veröffentlichungen nach einer schweren Phase in seinem Leben, klingt aber trotz einiger intensiver Rückblicke weder schwermütig, noch bedeutungsschwanger. Sein Saxophon führt eher ermunternd durch die Reihe seiner Musiker(Jean-Paul Brodbeck – piano, Phil Donkin – bass, Howard Curtis – drums), macht neugierig, erzählt frisch und schafft doch an vielen Stellen Entschleunigung. Gleichzeitig führt er den Hörer in den Enders’schen Kosmos ein: Kinder, Vorbilder, Weggefährten und mehr, verpackt in anregende, saxophongetränkte Momente. Das alles kommt zeitlos, strahlend, ab und an soulig gefärbt rüber und belebt.
In Leipzig nennt man ihn übrigens Prof. – weil er an der Hochschule für Musik als Professor für Jazzsaxofon und Ensembles eine Menge weiterzugeben hat. Gut zu hören auch auf der “Endorphin”-CD.

Zootcase: The Only One

Um der Welt ein Geschenk zu machen“ sei Kees Schafrat alias Zootcase ins Studio gegangen, verbreitet seine Plattenfirma. Herausgekommen ist „The Only One“ – eine CD, die Pop und Jazz mixt und auch den Blues nicht ganz beiseitelässt. Diese Mischung baut der Niederländer in elf Eigenkompositionen – mithilfe einer Reihe ausgezeichneter europäischer Musiker (darunter Eric Vloeimans, Trompete, Dimitar Bodurov, Piano) und der Sängerin Astrid Seriese – zu einem warmen, stylishen und gleichzeitig musikalisch-feinperlenden Klangteppich aus. „Zootcase“, so Schafrats Spitzname, muss nicht treiben, er muss keinen Bigband-Riesenrucksack packen – er überzeugt ganz ruhig mit Geschichten und hörbaren Akzenten. Klasse!

Rieke Katz: That’s Me

Karlsruhe ist nicht unbedingt der Ort, der einem beim Thema Jazz in den Sinn käme – doch die Badenserin Rieke Katz belehrt uns eines Besseren. Mischt Chansons und Funk, Jazz und Rhythm’n’Blues und kostet nicht zuletzt dank ihrer wandlungsfähigen Band ihre kreative Melodiensprache voller Nuancen, Swing und Leichtigkeit aus. Dass die Sängerin obendrein den Mut hat, auf deutsche Texte zu setzen, kommt dem Facettenreichtum ihrer Stimme nur entgegen und beschert dem Hörer auch über die Musik hinaus
Anregungen, die sonst im Jazz eher selten anzutreffen häufig sind.

Fjarill: Kom Hem

„Kom hem“: Das versteht auch hierzulande jeder. Und doch mussten die beiden Hamburger Fjarill-Ladies erst in die Ferne reisen, um zu ihren musikalischen Wurzeln zurückzufinden – Aino Löwenmark daheim in Schweden, Hanmari Spiegel in Südafrika. Und auf einmal ist nun die stilistische Freiheit im Kopf wieder da, betört der Elfengesang ebenso wie der zarte Geigenklang und das klare Klavierspiel. Entdecken die Fjarill-„Schmetterlinge“ mit Gastmusikern die Spielräume der Töne neu. Vertraut – und doch ganz anders.

Brad Mehldau: After Bach

Aller Musik-Anfang ist bekanntlich Bach, und so hat auch Brad Mehldau zur Abwechslung das Genre gewechselt und sich fünf Stücke aus dessen Wohltemperierten Klavier vorgenommen. Kann ein Jazzpianist machen, zumal einer von der Qualität des Norwegers, wie sein Spiel einmal mehr zeigt. Geschmackssache sind indes seine Improvisationen auf des Meisters Werke, schwanken die doch zwischen klug weitergedachten Harmonien und banalem Kitsch. Nicht jede Improvisation ist eben gleich auch große Kunst.

Makiko Hirabayashi Trio: Where the Sea breaks

Miniaturen sind es manchmal nur,
denen sich dieses Trio hingibt – doch das voller (Hinter-)Sinn für
Überraschungen und Kontraste. Statt Schubladen öffnen die japanische Pianistin, Percussionistin Marilyn
Mazur und Bassist Klavs Hovman
immer neue Klang-Türen gen
(Fernen) Osten, zum Zirkus oder in melancholische Sphären. Improvisieren und vertiefen, mal sanft, mal hingebungsvoll, stets aber voller Hingabe und stilistischer
Offenheit. Was sogar noch Raum für ein Flügelhorn lässt.

Spring String Quartet: Best Ingredients

Aus- und aufbrechen, ausgetretene Pfade hinter sich lassen und nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten
suchen: Seit 20 Jahren mischen die vier Österreicher das Streichquartett-Genre auf. Mixen Klassik mit Metal, Jazz mit Rock und haben sich als schräge Querdenker profiliert. So auch in der „20th Anniversary Suite“, die im Zentrum dieses Spring String-Albums mit allerbesten Song-Zutaten von Jo Zawinul bis Tom Waits steht: eine Entdeckungsreise von Herz bis Hirn – lässig erfüllt von wildem, neuem Leben.

Matthieu Bordenave: Terre de Sienne

Nomen est omen: Grand Angle heißt das Quartett des Saxophonisten
Matthieu Bordenave – und in der Tat haben die vier Franzosen für dieses Album klangfarblich ein wahres „Weitwinkel“-Objektiv gewählt. Nicht nur, dass sie jedem der zwölf Stücke eine Farbe zuordnen, sie schauen über ihr Genre hinaus, wechseln die Perspektiven und schaffen sich Gestaltungs(frei)räume. Was die Farben in diesem Spiel ohne Grenzen aufleuchten lässt und
unsere Palette an Höreindrücken aufs Schillerndste erweitert.

Kinga Glyk: Dream

Eine 20-Jährige als neues Jazzwunder? Schon erstaunlich, wie Kinga Glyk allenthalben gefeiert wird – doch wer die Augen schließt und sich ihrem dritten (!) Album hingibt, hört schnell warum: Die polnische Bassistin versteht es Geschichten zu erzählen. Virtuos und doch zugleich leicht und unaufdringlich. Hat sich das Beste aus Jazzrock, Fusion und Modern Jazz vergangener Jahrzehnte abgelauscht und voller Spaß, Groove und Power mit eigenen Ideen versehen. Wahrlich ein Traum aus der Tiefe der Saiten!

Matthias Schriefl: Europa

Gemuhe zum Einstieg? Muss man(n) erst einmal drauf kommen, doch wenn der Opener den Titel „Auf Wiener Schnitzel“ trägt, ist solch atonale Aufnahme aus dem Kuhstall nur konsequent. Und erzählt eine von acht ebenso humorvollen wie polystilistischen und -rhythmischen Song-Geschichten, mit denen Chef-Schlachter Schriefl durch die Welt(-Musik) wandert: mal makaber, mal harmonisch, mal morbide, mal vergnügungssteuerpflichtig. Stets aber voller Originalität und instrumentaler Klasse!

Dieter Ilg Trio: B-A-C-H

Am Ende könnte Bach der erste Jazzer gewesen sein: Den Eindruck hinterlässt Dieter Ilg auf seinem neuen Album. Nicht nur, dass der Kontrabassist das berühmte „Air“ des barocken Übervaters wunderbar melodisch zu gestalten weiß, vor allem verpasst das Trio den bekannten Klassikern durch feine, geistreiche Improvisationen neue Gewänder. Nutzt Melodien und Impulse des Leipzigers für ebenso sanfte wie überraschende Variationen. Bach war und ist eben Anfang und Ende aller Musik.

Tingvall Trio: Cirklar

Seiner Liebe zur melodischen Seite des Jazz bleibt Martin Tingvall auch auf diesem Album treu. Und so zieht der Schwede Kreise („Cirklar“) der Klangschönheit, lässt mit seinen Mitstreitern Bassist Omar Rodriguez Calvo und Drummer Jürgen Spiegel sein „Karusellen“ durch einen weiten Stilkosmos laufen. Mal sphärisch, mal beschwingt, mal schwermütig, mal schwelgend – stets aber facettenreich. Irgendwie rund und doch im Fluss. Eben wie ein unendlicher Kreislauf betörender Klänge.

Maria Baptist: Poems without Words

Nein, zarte Klangspielereien sind auf diesem Album ihre Sache nicht. Stattdessen setzt Maria Baptist auf Intensität und Rhythmus, groovt entschlossen und packt auch beim Soul zu. Das sorgt für Power, zumal ihr Trio in diesen voll tönenden Gedichten mit Jan von Klewitz durch einen Saxophonisten ergänzt wird, der bei allem edlen Ton zuzupacken weiß. So dass einmal mehr eine ganz persönliche, von dichten Motiven geprägte Note entsteht – jenseits säuselnder Poesiealben.

Morten Kargaard Septet: Zealand

Zeit hat sich Morten Kargaard gelassen – reichlich Zeit. Fünf Jahre hat der Däne an „Zealand“ gewerkelt, und bisweilen dünkt es, als lausche das Septett noch immer den eigenen Klangerkundungen nach. Schließlich geht es ihnen darum, Brücken zu schlagen zwischen den Welten des Jazz und der Klassik, über persönliche Empfindungen neue Räume zu öffnen auf dieser Reise durch Orte und Erinnerungen. Mit Grüßen aus dem (Folk-)Norden und manch nicht nur melodisch neuem Eindruck.