Inge Brandenburg: I love Jazz

Der deutsche Jazzpapst Joachim-Ernst Berendt schrieb über Inge Brandenburg: „Endlich hat der deutsche Jazz seine Stimme!“. „Time Magazin“ verglich sie mit Billie Holiday. Die 1990 verstorbene Sängerin spielte mit Musiklegenden von Chet Baker über June Christie bis Ted Heath. 800 Euro wurden vor einigen Monaten bei einer Online-Auktion für ihr einziges Solo-LP „It’s Alright With Me“ aus dem Jahr 1965 gezahlt.

Als ich aber die ersten Töne des Album-Openers „A Taste Of Honey“ hörte,  schwante mir Übles. Hatten findige Musikverleger nicht widerstehen können und noch ein paar alte Studioreste zusammengekehrt um „bislang unveröffentlichtes Material“ unter die zahlende Hörerschaft zu streuen? Der Scott/Marlowe–Klassiker aus dem Jahr 1960 – den fast jeder zweite Popkünstler von Herb Alpert über die Beatles und Barbra Streisand bis zu Trini Lopez oder den Schlager-Schreihälsen Jan & Kjeld verschlimmbesserte –  ist jedoch der einzige Ausrutscher auf diesem exzellenten Album. Die Brandenburg beweist auch hier, dass Sie in den 60er-Jahren zur Creme der deutschen Jazzsängerinnen gehörte.

Mit den Orchestern von Erwin Lehn, Werner Müller und Kurt Edelhagen aber auch mit Solisten wie Klaus Doldinger, Michael Naura, Peter Herbolzheimer, Albert Mangelsdorf oder Paul Kuhn spielte sie Aufnahmen ein, die von den Plattenfirmen meist wegen mangelnder „Kommerzialität“ nicht veröffentlicht wurden. Dazu gehören Pretiosen wie „Cry Me A River“ oder das mit Wolfgang Dauner geschriebene „Like A Straw“ – beides mit dem Südfunk Tanzorchester aufgenommen. Klassiker von „Summertime“ bis „Round Midnight“ und eine geniale Version von „Stella By Starlight“ mit dem begnadeten Dusko Gojkovich an der Trompete lassen einen oft vor Begeisterung in die Knie gehen.  Auch Ruth Browns „Hello Little Boy“ groovt ohne Ende.

Ihre tragische Geschichte ist mittlerweile bekannt – und im Film und gleichnamigen Buch „Sing, Sing, Sing“ von Marc Böttcher zu sehen und nachzulesen. Das Schicksal der aus zerütteten Familienverhältnissen stammenden Leipzigerin, die in Hof als „Herumtreiberin“ inhaftiert wurde, in Frankfurt in einer Bäckerei arbeitete und es als Autodidaktin und Nachtclubsängerin in GI-Clubs bis zu Konzerten mit der US-Legende Ted Heath schaffte, ist nicht nur todtraurig sondern auch geprägt von musikalischem Unverständnis der einheimischen Musikindustrie.

Eigene deutschsprachige Songs und Kompositionen wie „Das Riesenrad“, „Zähle nicht immer die Stunden“ oder „Zeige mir, was Liebe ist“ beweisen, dass die Brandenburg mit mehr Unterstützung der Plattenindustrie durchaus die Fähigkeit gehabt hätte deutschen Jazz auch international nach vorne zu bringen. Phrasierung, Timing, Stimme – ja sogar eine Art „Sophisticated Attitude“ zeichnete die menschlich nicht einfache Ausnahmekünstlerin aus. Und wer weiß – vielleicht waren die in den späten Jahren gravierenden Alkoholprobleme der Sängerin auch durch die mangelnde Unterstützung der Musikindustrie bestimmt. Grauenhafter Unterhaltungsmüll wie „Tiger Twist“, den zu interpretieren sie mit Hilfe ihres Anwalts zu verhindern suchte, ließen die Sängerin Ende der 60er resignieren. Das Zitat „Ich singe doch nicht mit meinem Dekoletté“ spricht Bände. Sämtliche Comebackversuche – auch mit prominenter Unterstützung von Gerry Hayes bis Charly Antolini scheiterten.

„Man kann mir nicht erzählen, das deutsche Publikum sei so doof, dass es nur Herz und Schmerz hören will“, sagte Inge Brandenburg in einem Interview. Ein fantastisches Album das trotz der Heterogenität der einzelnen Stücke rundum begeistert – und beweist, dass die damalige Musikindustrie teilweise noch doofer war als das Publikum!!!

Willy Theobald

Label: Unisono Records
Copyright Foto: MBfilm