Julia Biel: Love Letters and Other Missiles

Schon bevor die neue Silberscheibe von Julia Biel von meinem CD-Player eingesogen wurde, hatte ich von ihrem mehrfachen Auftauchen in der Playlist der Jamie-Cullum-Show bei der BBC gehört. Rezensoren stellten die 34-Jährige zudem bereits in das Umfeld von Nina Simone mit aparten Beimischungen von Klängen à la Radiohead, Billie Holiday und Björk. Von der „besten britischen Sängerin seit einer Ewigkeit“ rauschte es gar im britischen Blätterwald. Meine Erwartungen für „Love letters and other missiles“ waren entsprechend hoch.

JuiaBiel_CD_Cover_180x180Biels neue Veröffentlichung ist nach den bisherigen Werken mit dem F-Ire Collective, Polar Bear, Soothsayers und der Kooperation mit Folk-Jazz-Gitarrist Jonny Phillips für ihr Debüt-Solo „Not Alone“ (2005) wieder was Eigenes. Zeitlose Songs und Ehrliches verspricht die Plattenfirma. Doch zunächst sucht man – natürlich – die Frau, die in den Radio-Shows gepriesen wurde. Nicht lange.

Was aus den Boxen kommt, ist rauchig, breit, relaxt. Und intensiv. Es kribbelt und changiert. Es mault und frotzelt auch mal, bricht auf jeden Fall die glatten Oberflächen, wo es zu stark spiegelt. Das Ganze zeugt von ungewöhnlichem Charakter.

Ein intensives Erlebnis – zum Wegträumen. Und gleichzeitig als Starthelfer für einen aufregenden Tag. Es hat Jazz und stellt die moderne Sängerin und Songwriterin in den Vordergrund, mixt Soul und Pop dazu, bröselt eine Prise Eigenwilligkeit hinein. Ihr Studium der französischen und deutschen Literatur in Oxford tut den Texten ausnehmend gut; die bergen Tiefe und Authentisches. Und das Publikum bei Live-Shows zeigte bereits: Man fühlt sich rundum wohl damit.

Biel singt nicht nur, sie spielt auch Gitarre und Piano. Gleichzeitig bringt sie ihre Musiker Idris Rahman am Bass und Saleem Raman (Percussion) mit Fingerspitzengefühl ins Spiel – für den perfekten Rahmen. Der erscheint frisch und luftig, gleichzeitig tragfähig und glänzend. Perfekt. Was bleibt, ist der Eindruck: coole Stimme, starke Instrumentierung.

Ihr Titel „Nobody Loves You Like I Do“ kommt einem zudem bekannt vor. Kein Wunder. Der wurde schon im Sommer 2014 als EP veröffentlicht. Er war jedoch nicht so oft im Radio, als dass man ihn nicht mehr hören möchte. Im Gegenteil. Man wünscht sich eigentlich mehr Mut zu besonderen Songs in den Musikredaktionen der Republik. Julia Biel würde sich anbieten, denke ich. Und über ihre Bühnenpräsenz wird unter Veranstaltern ganz offen geschwärmt. Das verspricht einen tollen Festivalsommer.

Biel, Tochter einer Deutschen und eines Südafrikaners, ist übrigens auch hierzulande durchaus unterwegs, schmückt aber vor allem zahlreiche europäische Jazzfestivals. Bereits 2000 erhielt sie den Preis Perrier Vocalist of the Year. 2006 war sie zudem für den BBC Jazz Award nominiert. Dabei wird`s nicht bleiben. Wie gesagt: Wer sie einmal hörte, ist voll des Lobes. Und Sie sind bestimmt auch bald dabei. Versprochen.
Sabine Meinert

Julia Biel “Nobody Loves You Like I Do” (Video)