Nils Landgren: “Ich lasse lieber die Musik für mich und sich selbst sprechen”

Alter Schwede! Wenn Nils Landgren mit seiner Funk Unit aufkreuzt, ist eines garantiert: Was sie spielen fährt mächtig in die Beine. Tanzfreudiger als der Ausnahme-Posaunist spielt kaum ein anderer Jazzer auf – ohne dass sich der Bläser damit auf diese eine Spielart des Rhythm’n’Blues festlegen würde. Dafür hat der Mann in seinen mittlerweile 57 Lebensjahren dann doch auf zu vielen Hochzeiten getanzt. Christoph Forsthoff hat den polyglotten Musiker mit der „Licence to Funk“ zum Interview getroffen. Nils Landgren: “Ich lasse lieber die Musik für mich und sich selbst sprechen” weiterlesen

15 Fragen an Nils Landgren

Nils Landgren
Nils Landgren @ Steven Haberland
Wovon haben Sie letzte Nacht geträumt?
Ich habe endlich einmal eine zu hundert Prozent traumfreie Nacht erlebt und bin morgens um sechs Uhr von Vogelsang aufgeweckt worden – einfach Traumhaft! Denn zuvor waren wir die ganze Woche über nachts mit dem Bus zum nächsten Konzertort gefahren und meist zehn Stunden pro Nacht auf Tour – und ich schlafe im Bus alles andere als gut. Da wirkt solch eine Hotelnacht zwischendurch wahre Wunder.

Welches Konzert/welche Platte hat Sie zum Jazz gebracht?
Mein Papa spielte meinen Brüdern und mir immer Schelllackplatten mit Louis Armstrong, Duke Ellington und Jimmy Lunceford vor und sagte dann: Hört gut zu Jungs, das hier ist wirklich gute Musik. Recht hat er gehabt! Und die Musik von diesen drei ist bis heute noch taufrisch.

Wenn Sie eine Zeitreise unternehmen könnten, was wäre Ihr Ziel?
Ich bin ganz zufrieden damit, wo, wie und was ich bin. Und Zeitreisen unternehme ich auch so schon oft genug, wenn ich mich mit Musik aus den Epochen von Frühbarock bis zur Moderne beschäftige.

Wer ist Ihr Lieblingskomponist?
Johann Sebastian Bach, Miles Davis und Esbjörn Svensson: In verschiedenen Phasen meines ganzen Lebens waren und sind die drei einfach bis heute meine Helden.

Was macht Sie wütend?
Unrecht und Geiz. Ich habe ja gemeinsam mit meiner Band Funk Unit ein Projekt im kenianischen Nairobi sowie in Kapstadt in Südafrika initiiert: Funk for Life. Wir gehen dort in die Slums und Townships und verschenken dort in den Schulen Musikinstrumente, damit die die Kinder diese nutzen können. Wir stellen ihnen quasi die Werkzeuge zu Verfügung und zeigen ihnen auch, wie man spielt, doch die Entscheidung, welche Musik sie spielen, überlassen wir den Kindern und Lehrern vor Ort. Und ich habe noch nie so viel Freude beim Musizieren erlebt wie dort – aber eben auch unglaubliche Armut und Leid und tödliche Krankheiten, weil es kaum sauberes Trinkwasser gibt, keinen Strom und kaum sanitäre Anlagen. Und wie wenig dagegen unternommen wird, das macht mich wütend.

Wer ist Ihr musikalisches Vorbild?
Miles Davis und mein Mentor Bengt-Arne Wallin, der Urvater des modernen schwedischen Jazz. Miles hat den Jazz weltweit gleich mehrfach revolutioniert, Bengt-Arne ist es gelungen, den Jazz mit der schwedischen Volksliedtradition zu verbinden – einer ganz ähnlichen Tonsprache, viel Melancholie und einer kleinen Portion Humor. Und, er hat mich und mein Talent entdeckt: Dafür bin ich ewig dankbar.

Als wer/was möchten Sie wiedergeboren werden?
Ich habe nicht den Wunsch, wiedergeboren zu werden. Solange ich lebe, lebe ich – und danach ist einfach Schluss.

Was ist Jazz?
Jazz ist Freiheit. Kommunikation. Vertrauen. Leidenschaft. Aber Jazz bedeutet auch eine große Verantwortung: Eine Verantwortung für die Musik wie auch für das Publikum.

Wobei werden Sie schwach?
Schwach in welchem Sinne? Wenn ich in die Augen meiner Frau blicke, dann werde ich schwach…

Was ist für Sie wichtiger im Jazz: Leidenschaft oder Kontrolle – und warum?
Leidenschaft und Kontrolle sind für mich kein Widerspruch. Beide sind wichtig: Ohne Leidenschaft würde ich hier nicht stehen und Musik machen. Und ohne Kontrolle ebenso wenig, denn es wird von uns nicht nur auf der Bühne viel verlangt, sondern wir müssen uns auch die Businessseite aneignen und das Geschäftliche beherrschen. Unser Beruf hat unendlich viele Ebenen.

Der Tod ist …
…leider unvermeidlich. Ich liebe das Leben, aber ich weiß auch, dass jeder Tag mein letzter sein kann. Und so versuche ich, jeden Tag zu genießen.

Welches ist Ihr Lieblingsinstrument, das Sie selbst nicht spielen?
Das Cello ist mein Lieblingsinstrument. Ich habe stets mit dem Klang des Cellos im Hinterkopf mein eigenes Instrument geübt und versucht, den Celloklang einzufangen. Und ansonsten finde ich das Klavier einfach genial.

Üben ist …
… notwendig, kann Spaß machen, manchmal allerdings auch nicht. Und wenn das Üben als Meditation funktioniert, ist es sogar wunderschön: Nach einem langen Tag sitze ich etwa gerne in meinem Hotelzimmer und mache vor dem Fernseher mit einem Übungsdämpfer Muskelübungen, damit ich am nächsten Tag wieder fit bin. Denn es geht um die Kombination von Kraft und Flexibilität, Geschmeidigkeit und Ausdauer. Posaune zu spielen ist physisch sehr anstrengend und verlangt eine gute Trainingsvorbereitung – fast wie bei einem Leichtathleten.

Wenn ich Pop aus den Charts im Radio höre …
…das hängt von der Popmusik ab, denn es gibt da ja wahnsinnig viele verschiedene Richtungen – und manche mag ich, manche nicht.

Was ist die peinlichste Panne, die Ihnen auf der Bühne passiert ist?
Zum Glück ist mir bislang noch nichts wirklich Peinliches passiert…

Datum: 5.5.2013

Henning Wolter Trio: Undercover Job

Henning Wolter Trio - Undercover JobSind das nur die heimlichen Träume eines vereinsamten Barpianisten, der gerne mal den Titelsong eines James-Bond-Films komponieren würde? Oder ist das richtiger Krimi-Jazz? So wie bei legendären Soundtracks von „Der Spion der aus der Kälte kam“ (Sol Kaplan) bis zu „Fahrstuhl zum Schaffott“ (Miles Davis). Oder zumindest Fake Jazz wie bei den Lounge Lizzards? Keine Ahnung – auf jeden Fall hat dieses Konzeptalbum relativ wenig mit Suspense-Soundtracks der Schwarzen Serie, der Nouvelle Vague oder ähnlichem zu tun. Deshalb wirkt die zur Henning Wolter Trio: Undercover Job weiterlesen

15 Fragen an Dieter Ilg

Dieter Ilg
Dieter Ilg Foto: Till Brönner

Wovon haben Sie letzte Nacht geträumt?
Der neue Formel-1-Pilot von Ferrari hieß Giuseppe Verdi und der neue Liebhaber Angela Merkels sowie der neue Mittelstürmer des FC Bayern München war Richard Wagner…….keine Ahnung, ich erinnere mich nicht.

Welches Konzert/welche Platte hat Sie zum Jazz gebracht?
Die Restaurationsplatte…….

Wenn Sie eine Zeitreise unternehmen könnten, was wäre Ihr Ziel?
Vielleicht die Zeitlosigkeit.

Wer ist Ihr Lieblingskomponist?
Bach, Beethoven, ach, es gibt so viele Lieblinge.

Was macht Sie wütend?
Institutionalisierte Korruption. Taktlosigkeit………..

Wer ist Ihr musikalisches Vorbild?
Derlei gabs viele, all die famosen Bassisten wie NHOP, Ray Brown, Sam Jones, Scott La Faro, Jaco Pastorius usw.

Als wer/was möchten Sie wiedergeboren werden?
Das kann man(n) sich wünschen ?

Was ist Jazz?
Jazz ? Nie gehört……

Wobei werden Sie schwach?
Samstags ist es Butterbrot und süßer Assamtee…

1Was ist für Sie wichtiger im Jazz: Leidenschaft oder Kontrolle – und warum?
Ohne Leid zu schaffen und ohne ein Troll namens Kon zu sein: frei sein zu entscheiden, wann und ob Kontrolle wie Leidenschaft…

Der Tod ist …
Ende und Anfang zugleich.

Welches ist Ihr Lieblingsinstrument, das Sie selbst nicht spielen?
Klavier und Schlagzeug.

Üben ist wie …
Eigentherapie. Immer wieder die Karten neu mischen, auch wenn sie dasselbe Bild aufzeigen mögen.

Wenn ich Pop aus den Charts im Radio höre …
…quillt Popcorn aus meinen Ohren. Ich nehme nicht wahr, ob etwas in den sogenannten Charts ist oder nicht.

Was ist die peinlichste Panne, die Ihnen auf der Bühne passiert ist?
Saitenriss in der Kirche, als Jüngling.

Datum: 22.4.2013

Nigel Kennedy: Recital

Nigel Kennedy: RecitalVergessen wir einfach mal die übliche Kennedy-Verpackung: all das Gerede vom unorthodoxen Violinvirtuosen und Enfant terrible der Klassikszene, von der doch schon arg gelichteten Punkerfrisur oder seinen verbalen Ejakulationen. Dann ist diese Hommage an die Vorbilder seiner Jugend wie Stéphane Grappelli, Yehudi Menuhin oder Fats Waller ein gelungener und ziemlich entspannter Ausflug in den Jazz, der den guten alten Bach ebenso kontrastreich integriert wie zwei eigene Werke. Wo kongeniale Musiker wie Rolf Bussalb (Gitarre) Nigel Kennedy: Recital weiterlesen

Christoph Forsthoff

Christoph_ForsthoffSeit 1990 berichtet der Kulturjournalist aus der Musikszene Norddeutschlands. Seine in mehr als zwei Jahrzehnten gewonnenen, intensiven Kenntnisse der dortigen kulturellen und kulturpolitischen Landschaft fließen regelmäßig in (Hintergrund-)Berichte für mehr als zwei Dutzend deutsche Tageszeitungen ein. Und dass der Historiker dabei hinter den schönen Künsten auch Zahlen und Fakten recherchiert, hat einst schon den SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück zur Weißglut getrieben.

Nach Stationen als Kulturredakteur sowie als Ressortleiter bei Magazinen der New Economy – zuletzt bei Net Business, legendäres Kultblatt der turbulenten Dotcom-Jahre – betreibt der Cello-Liebhaber seit 2001 sein netzwerk Redaktionsbüro. Und dank der Financial Times Deutschland konnte der Musikkritiker seither auch seine zweite Leidenschaft beruflich pflegen: das Interesse für die Verflechtungen von Wirtschaft und Politik. Nun, nach dem Aus der FTD, hat er die neu entstandenen Freiräume auch wieder mit Musik gefüllt: Denn nachdem sein Cello vor zwei Jahrzehnten mit dem Studium der Bach-Suiten im Keller verschwunden war, kommt dies jetzt in Kammermusiken mit seinem Sohn neu zum Einsatz.

Mail: christoph.forsthoff<at>aboutjazz.de

Marius Neset: Golden Xplosion!

Marius Neset - Golden Xplosion!Ausgerechnet aus Norwegen, dem Land des verträumten Beschaulichkeitsjazz, kommt der neue, junge Evangelist eines radikalen Saxofonismus. Seine komplexen Kompositionen verraten, was der 25-Jährige über Musik alles weiß. Er jongliert souverän mit der vollen Bandbreite des musikalischen Vokabulars: Unverkennbar ist der Einfluss von Maceo Parkers markantem, groovendem Spiel und die von J.S.Bach gelernte Pseudomehrstimmigkeit. Geradezu fantastisch ist Nesets Umgang mit Marius Neset: Golden Xplosion! weiterlesen

Kerberbrothers Alpenfusion: Rising Alps

Karberbrothers Alpenfusion - Rising AlpsAufruhr im Land der lila Kühe: Eine Volksmusikcombo beackert lustvoll die Musikwelt jenseits krachlederner Bierzeltzünftelei. Da wird kräftig zusammengerührt, was man freiwillig nicht zusammen denken mag: romantische Alphornidylle, ein swingender J.S.Bach, gezitherte Ländlerseligkeit, südamerikanische Rhythmen, ein Hackbrett, das sich als Orientale ausgibt, und Jodeln wie in Texas – nur eben authentisch deutsch und das alles immer schön vereint unter dem Mäntelchen von teils Kerberbrothers Alpenfusion: Rising Alps weiterlesen

Marc Perrenoud Trio: Two Lost Churches

Marc Perrenoud Trio - Two Lost ChurchesDie drei jungen Schweizer mögen Gegensätze, Überraschungen, Entlegenes. Sie beherrschen die große Geste ebenso wie subtile Andeutungen. Präludierend, mit raumgreifenden Akkordbrechungen beginnt das Album, wechselt in swingenden Barjazz, haut stadionrockmäßig gewaltig auf die Tonne, um nach einer Vollbremsumg in Zeitlupe subtilste Melodie- und Harmonieverschiebungen auszuprobieren. Diese Musik ist ohne Bombastrocker wie Led Zeppelin oder Queen ebenso undenkbar wie ohne Oscar Peterson, Beethoven oder Bach. Dabei sind der Klang und die Herangehensweise des Trios alles andere als beliebig. Man höre und bestaune wie die Drei sich etwa “Autumn Leaves” aneignen, wie sie den reichlich abgenudelten Joseph-Kosma-Song in etwas ganz und gar Unerhörtes verwandeln.
Sven Sorgenfrey (2.1.2012)

Marc Perrenoud Trio beim Schaffhausener Jazz Festival 2012 (Video)