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Ulita Knaus: Love In This Time

„Love In This Time“ ist ein phantastisches Stück Musik im besten Sinn des Wortes: Ulita Knaus macht auf auch auf ihrem siebten Longplayer mal wieder alles richtig. Sämtliche Songs (bis auf Stevie Wonders „Visions“) sind selbst komponiert und absolut hochklassig. Harmonien, Texte und Arrangements wirken wie aus einem Guss und – zirkulieren in einem meist perfekten Wechselspiel.

Auch über eine eigene Handschrift verfügt das Album. Und das, obwohl die Genres aus denen sich Knaus bedient mehr als vielseitig sind. Fusion-Jazz-Rock aber auch Pop der Siebziger, Funk, Latin, Blues – es gibt kaum einen Jazzbereich der nicht auftaucht. „Wer erwartet hat, dass es bei mir immer sanft und jazzy weitergeht hat mich einfach nicht begriffen“, erklärte sie in einem Interview.

Los geht es mit 70er-Jahre Cocktail-Fusion-Pop-Jazz („Zero Days“) samt passendem Öko-Text. Schon zu Beginn zeigt die Wahlhamburgerin spotlightartig, wie großartig sie ihre phrasierungs- und obertonreiche Stimme beherrscht. Auch beim Arrangement stimmt alles. Man glaubt die Geister von George Duke am Piano klimpern und Volker Kriegel auf der Gitarre spielen zu hören. Nahezu perfekt dieser Opener! Einzige Kritik: irgendwie mit angezogener Handbremse. Aber, wenn sie mehr Gas gegeben hätte, wäre wahrscheinlich auch diese unglaubliche unterschwellige Power weg.

„Invader“ klingt eher standardmäßig: sehr kalkuliert und auf den Punkt arrangiert – aber immer noch keine Entladung. Der atmosphärische Druck steigt, wird durch spielerische Pianopassagen wieder `rausgenommen.

„One Note“ kommt ebenfalls mit wenig Tempo aus – zerdehnt die Harmonien und überführt die Instrumente in sphärische Klänge: ein funktionaler Soundteppich, der den Hintergrund für diese unter die Haut gehende Komposition liefert. Man kann nur ahnen, um was es sich wirklich handelt: ein melancholischer Moment in der Abendsonne, der Morgen nach der Party, entrückte Versunkenheit alleine an der Bar („In our second hand universe, we’re spinning around ….“). Oder geht es doch nur um ein missglücktes Liebesabenteuer?! (Oder – wie im Beipackzettel behauptet um gerade verstorbene Kollegen??) Wunderschön – und viel mehr als nur eine Note!

Das Gefühl für Stimmungen wurde der studierten Jazzsängerin anscheinend in die Wiege gelegt. Die aus Venezuela stammende Mutter und der als Opernsänger ausgebildete bulgarische Vater unterstützten nicht nur ihre ersten Gehversuche am Klavier sondern auch ihren Traum Musikerin zu werden.

Zwölf Jahre tourte die in Salzgitter geborene Sängerin mit dem Orchester Havana durch die halbe Welt bevor sie ihre Solokarriere startete. Eine unschätzbare Erfahrung, die man in fast jeder Note spürt. Auch ihr erklärtes Vorbild Dianne Reeves hat hörbare Spuren hinterlassen.

Bei so viel Routine kommt natürlich das Gespür für Dramaturgie nicht zu kurz! „Forever Seven“ zieht das Tempo endlich an, kommt akzentuiert funky daher. Immer noch ein hochklassiges Stück Musik – aber mit deutlich weniger Ausstrahlung als seine Vorgänger.

„Mammoth Tree“ klingt wie ein klassischer Blues und ist eine Verbeugung vor der Tradition. Sehr gelungen, sehr schön – aber auch ein bisschen erwartbar. Trotzdem: wunderbarer Cocktail-Jazz und viel zu schade für den Aufzug. Klar – ihre Sidewoman-Qualitäten bei Stars wie Udo Lindenberg, Peter Fox oder Bobby McFerrin haben auch im Repertoire Wirkung gezeigt.

„White Signs On Black Flags“ ist ein Anti-Kriegs/Terror-Song der lautmalerisch fast alles umsetzt, was der Text verlangt ohne in musikalischen Agitprop abzugleiten: Düstere Moll-Atmosphäre mit schrill warnenden Dur-Harmonien, sägende Gitarrenriffs ganz im Hintergrund – ein überzeugendes Sound-Schlachtengemälde.
„The Nothingness Of Today“ (Nomen Est Omen) ist zwar nett anzuhören, klingt aber eher nach l’art pour l’art. Textmäßig dreht sich auf diesem Album vieles um das immergrüne Auf- und-ab der Liebe. „In meinem privaten Leben herrscht ziemlich viel Drama und Leidenschaft“, erklärt sie lächelnd. Na gut – irgendwie ist das natürlich ein Thema, das uns niemals loslässt!

„Quantum Physics Of Love“ (mit Scat-Latin-Anleihen) ist dann passenderweise der optimistische aber auch sehr konventionelle Ausklang – könnte auch das Happy End eines Hollywood-Films sein. Aber okay. Und Wonders „Visions“ (den eigentlichen Schluss) ignorieren wir einfach: Hier wurde weder an Phlanger- noch Sitareffekten gespart.
Ein wunderschönes Album, das große Momente des elektrifizierten Siebziger-Jahre Jazz` zusammenfast und mit großer handwerklicher Präzision auf den Punkt bringt: Klasse.
Willy Theobald

Label: Must Have Jazz/Membran
Fotos: PR

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